Unterwegs im Iran

Um den Wetterbedingungen und den hiesigen Moralvorstellungen gerecht zu werden, muss die minimalistische Reisegarderobe zu einem wilden Modemix kombiniert werden: Wegen der Hitze trage ich Sandalen, gegen die agressive Sonne kommen Socken zum Einsatz. Da bin ich schmerzfrei. Ein dünnes Langarm-Shirt schützt die Arme und die Ärmel können sogar bis über die Hände gezogen werden. Da die Sonneneistrahlung ab mittags für den dünnen Stoff zu intensiv wird, kommt noch ein T-Shirt darüber. Kurze Hosen sind im Iran tabu, also trage ich lange Beine, was beim Radfahren furchtbar unbequem und viel zu warm ist und da die Hose leider mittlerweile im Schritt gerissen und nicht mehr selber nähbar ist, kommt noch eine kurze Hose darüber. Gegen die Abgase hilft ein Halstuch zur Gesichtsvermummung zumindest ein klein wenig beim Atmen. Hinzu kommen noch Sonnenbrille und Käppi mit selber angenähtem Nackenschutz.


Jetzt können erstmals Kamele die Straße kreuzen.

bisher das beste Mittagessen




Die Straßen sind großteils sehr gut zu befahren. Wir schaffen sogar endlich einmal eine Tagesetappe von 130 Kilometern.

Nachdem wir die Kleinstadt Marand verlassen haben, werden wir nach einigen Kilometern von einem Reiseradfahrer aus Frankreich und seinem iranischen Gastgeber eingeholt, der ihm über warmshowers.org eine private Unterkunft zur Verfügung gestellt hat. Die beiden sind uns tatsächlich über den steilen Berg hinterhergefahren, nachdem sich in der Stadt unsere Durchfahrt herumgesprochen hatte und möchten unbedingt, dass wir eine Nacht bei ihnen verbringen. Leider haben wir es aber etwas eilig und müssen weiter fahren, um in unserem Zeitplan zu bleiben.

Wir beide mit dem Radfahrer aus Frankreich und seinem iranischen Gastgeber

Ich bin jetzt übrigens mehrfacher Millionär. Ein Euro entsprechen etwa 40.000 Rial und da ich mein gesamtes Reisebudget in bar mit mir führen muss, weil ausländische Kredit- oder EC-Karten im Iran nicht funktionieren, bin ich mit dem Verstauen der bündelweisen Scheine etwas überfordert.

Bisher ist übrigens kein Tag vergangen, an dem ich nicht irgendetwas flicken, reparieren oder nähen musste. Schwerwiegende Schäden blieben bisher aber zum Glück aus.

Heute sind wir in der Großstadt Tabriz angekommen. Der Weg in die Stadt führte 40 Kilometer lang durch einen Höllenverkehr. Gefühlt sind 60 Prozent der PKW und alle LKW im Iran aus den 70er Jahren oder älter. Entsprechend unerträglich sind der Lärm und die Abgasbelastung.

Lärm und Abgas

Hier bekommen wir ständig etwas geschenkt. Das Eis in der Eisdiele dürfen wir nicht bezahlen und als wir uns neben einem Bubble-Tea-Stand auf eine Bank setzen, bekommen wir von dem Verkäufer ungefragt zwei Becher gereicht. Man freut sich hier offenbar über westliche Touristen.

Ankunft in Tabriz


In Tabriz nehmen die Frauen, im Gegensatz zur ländlichen Region ganz normal am öffentlichen Leben teil. Man sieht westlich orientierte Paare, extrovertierte Schwule und Hipster. Lediglich ältere Frauen tragen einen Schleier, der auch das Haar vollständig verhüllt und halten diesen permanent unter dem Kinn zusammen, sodass man ihnen am liebsten vorschlagen möchte doch einfach einen Knopf anzunähen, um die Hand wieder frei zu haben.

Vorurteile, eigene Eindrücke und gelesene Fakten zu einem realistischen Bild des Iran zusammenzuführen, wird in jedem Fall eine kleine Herausforderung werden.

Beim Kauf einer iranischen SIM-Karte muss ich meinen Fingerabdruck abgeben, was mir natürlich noch befremdlicher vorkommt als die übliche persönliche Resgistrierung, zu der man auch in Deutschland gezwungen wird. Allerdings bekomme ich im Iran drei Gigabyte Datenvolumen im Monat für etwa vier Euro, während ich in Deutschland für gerade einmal einen Gigabyte acht Euro bezahlen muss. Facebook und Blogger scheinen übrigens doch gesperrt zu sein und nur über meinen US-amerikanischen Anbieter Knowroaming ohne VPN zu funktionieren.

Siehe auch Michas Blogbeitrag zu dieser Etappe: Irans Norden // Attacke vom Motorrad

Kommentare

  1. Extrovertierte schwule, hipster und ältere Frauen mit Schleier?!? klingt nach Kreuzberg.... Mein Weltbild gerät ins Wanken:-))

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