Raubüberfall auf der Landstraße und ein ungeahnter Ausgang

Wir sind am frühen Nachmittag auf einer abgelegenen Landstraße unterwegs. Micha fährt etwa 500 Meter vorraus. Wie so oft kommt von hinten ein Moped mit zwei jungen Männern angefahren und hält meine Geschwindigkeit als es sich neben mir befindet. Die Fahrer albern und ich werde mal wieder aufdringlich fotografiert. Dann drehen die beiden um und verschwinden wieder.

Etwa zehn Minuten später kommt das Moped erneut angefahren. Diesmal treten die beiden deutlich agressiver auf und bedrängen mich, indem sie immer wieder zu nah an mich heran kommen. Der Fahrer zeigt mir ein kleines Bündel Rial-Scheine und ruft fordernd immerzu "Dollar, Dollar!". Ich winke ab und versuche weiter zu fahren und dabei ausreichend Sicherheitsabstand zu gewinnen, doch die beiden fangen an mich so sehr zu bedrängen, dass mir die Weiterfahrt zu riskant wird und ich rufe ihnen energisch zu dass die mich in Ruhe lassen und verschwinden sollen.

Daraufhin bremsen sie mich aus, halten an, kommen auf mich zu und jeder der beiden holt ein Messer aus seiner Tasche. Ich schaffe es gerade noch mein Handy von der Halterung zu nehmen und es in der Hosentasche verschwinden zu lassen. Aber genau auf das Handy haben sie es offenbar unter anderem abgesehen.

Beide springen jetzt wie zwei Irre mit ihren Messern fuchtelnd um mich herum. Der jüngere der beiden, er ist vielleicht 16 Jahre alt, grinst und lacht immerzu über die Situation, der ältere, etwa Mitte 20, wird immer agressiver und versucht wiederholt mir das Handy aus der Tasche zu ziehen. Ein paar Mal muss ich dabei vor seinen angedeuteten Messerstichen zurückweichen.

Micha fährt unterdessen mittlerweile etwa tausend Meter weiter die Straße entlang ohne etwas von der Situation mitzubekommen. Ich sehe ihn gerade noch am Horizont verschwinden und bin jetzt völlig auf mich alleine gestellt.

Ich versuche zu verhandeln und biete ihnen einen 100-Dollar-Schein an. Der wird mir aus den Händen gerissen und ein weiterer gefordert. Die Situation ist mittlerweile dermaßen laut, emotional aufgeladen und außer Kontrolle, dass nun im Affekt alles passieren kann. Während ich hektisch in meiner Bauchtasche nach einem zweiten Schein krame, muss ich immer wieder versuchen die Hände des Älteren von meiner Hosentasche abzuwehren und dabei ausreichend Sicherheitsabstand von seinem Messer zu wahren.

Ich gebe ihm den zweiten Schein und mache ihm eindringlich und ausdrucksstark, aber auch mit Verzweifelung klar, dass ich ihm das Handy nicht geben kann. Die beiden scheinen sich aber jetzt tatsächlich mit der Beute zufrieden zu geben und den Überfall, wahrscheinlich auch angesichts der in der Ferne auftauchenden Fahrzeuge, abzubrechen. Sie steigen auf ihr Fahrzeug auf und fahren davon.

Weil ich davon ausgehe, dass sie als nächstes Micha stoppen und ausnehmen werden, stoppe ich das nächste Fahrzeug, einen Pickup mit drei Bauarbeitern. Hektisch erkläre ich den Insassen mit Händen und Füßen was soeben geschehen ist und dass wir nun sofort meinen Freund einholen müssen, um ihn vor wahrscheinlich noch Schlimmerem zu bewahren. Sofort laden wir mein Fahrrad auf die Ladefläche und brettern die Straße hinauf.

Dort steht Micha unbeschadet am Straßenrand und hatte nur noch beobachten können, wie die beiden an ihm vorbei und nach links in Richtung der nächsten Ortschaft abgebogen waren.

Ich möchte zunächst einfach nur aus der Reichweite dieser Typen und von dieser verlassenen Straße verschwinden, weswegen wir auch Michas Fahrrad auf den Pickup laden und zunächst beide mit den Bauarbeitern weiter fahren. Nach etwa zehn Kilometern setzen sie uns vor dem Polizeirevier am Ausgang einer kleineren Ortschaft ab.

Wir überqueren die Straße und klopfen an die verschlossene Metalltüre des Polizeireviers. Ein junger Mann in Camouflage-Uniform mit Maschinengewehr öffnet nach einer Weile das Sichtfenster an der Türe. Ich versuche erneut mit Händen und Füßen zu erklären was geschehen ist. Mehrere junge Männer kommen hinzu.

Nach einigen verwunderten Blicken werden wir herein gebeten. Wie überall sind wir mit unseren beladenen Fahrrädern auch hier wieder eine Sensation. Fünf bis zehn Kerle, alle Anfang zwanzig, teilweise schwer befaffnet, teilweise in Springerstiefeln und teilweise in Flip-Flops, amüsieren sich prächtig über unser Auftreten und holen ihre Handys heraus, um zunächst einmal gemeinsam mit uns auf Selfies zu salutieren. Auch wenn ich mich kurz zuvor noch blutend im Straßengraben habe liegen sehen, lasse ich mich erst einmal darauf ein. Im Posieren haben wir schließlich mittlerweile Übung und alles Andere würde jetzt eh nur auf Unverständnis stoßen.

Nach einer Weile sprechen wir endlich den Vorgesetzten der jungen Männer. Mit Hilfe eines Online-Übersetzers können wir mit viel Geduld ungefähr schildern was mir widerfahren ist. Der Polizeibeamte wird nachdenklich und schweigt, als sei er soeben zum ersten Mal im seinem Leben mit einem Vorfall konfrontiert worden. Wir verharren in einem langen, reglosen Schweigen und ich fühle mich irgendwann gezwungen, die Situation mit der Frage "So, what are we going to do now?" zu beenden. Ich befürchte bereits, mit der Vorstellung auf der Polizeiwache einen großen Fehler gemacht zu haben.

Dann schließen die Beamten den Waffenschrank auf, rüsten sich auf und setzen uns in ein Fahrzeug. Zu sechst in dem Auto, rasen wir nun zum Ort des Geschehens. Unterwegs gebe ich die Täterbeschreibung mit Hilfe der Online-Übersetzung ab und werde bei jedem vorbeifahrenden Zweirad gefragt, ob es sich dabei um die Verbrecher handeln könnte. So schnell wie wir fahren, kann ich die Leute teilweise gar nicht erkennen.

Auf der Straße, an der sich der Überfall ereignet hatte, hält der Fahrer an, um einen Schäfer zu befragen, ob dieser etwas gesehen haben könnte. Mir ist überhaupt nicht nach symbolischem Aktionismus zumute und ich ahne, dass wir aus dieser Nummer so schnell nicht mehr herauskommen werden.

Zurück auf dem Revier, wird uns wiederholt von den jungen Polizisten versprochen, dass sie die Typen schnappen und festnehmen werden und ich kann nur noch mit einem verkrampft-müden und resignierten Lächeln reagieren.

Mittlerweile ist es so spät am Nachmittag, dass wir sowieso nicht mehr weiter fahren können ohne in die Dunkelheit zu geraten. Da es in dem kleinen Ort keine Unterkunft gibt, bekommen wir angeboten im Gebetsraum der Wache zu schlafen und da selbst der Imbiss gegenüber schon geschlossen hat, bereiten wir uns unser Abendessen selber in der Küche des Polizeireviers zu, das eher an eine Kaserne erinnert.

Plötzlich, wir haben noch nicht ganz fertig gegessen, werde ich aus der Küche gerufen. "Wir haben die beiden!" macht man uns verständlich. Ich gehe hinaus und traue meinen Augen kaum. Tatsächlich sitzt der Fahrer des Mopeds, der mich vor einigen Stunden bewaffnet überfallen hatte, mit Handschellen in dem Polizeiauto. Ein Polizist steht daneben und hält mir meine beiden 100-Dollar-Scheine entgegen. Ich bin völlig perplex. Wie war das nur anhand meiner einfachen Personenbeschreibung, die auf die Hälfte aller Männer in dieser Region hätte zutreffen können, nur so schnell möglich gewesen?

Später erfahre ich, dass die beiden bereits zuvor mehrfach straffällg gewesen seien und die Polizei sich umgehend einen Durchsuchungsbefehl besorgen konnte und anschließend in der Wohnung der Verdächtigen das Geld, die Tatwaffen und das Handy, mit dem die Räuber mich zuvor fotografiert hatten, sicherstellen konnte.

Mittlerweile ist auch ein Übersetzer eingetroffen, der mir die handschriftlich ausgestellten Protokolle und eine Erklärung, den Fall nicht weiter verfolgen zu wollen, von Farsi ins Englische übersetzen kann. Wir unterschreiben mit Signatur und Fingerabdrücken. Uns wird Tee, Saft und Gebäck gereicht. Derweil werden die beiden Kriminellen mit verbundenen Augen und vor der Wand knieend verhört. Man sagt uns, dass sie nun eine Gefängnisstrafe erhalten werden.

Wir können bei dem Übersetzer zu Hause übernachten. Unsere Pässe verbleiben jedoch über Nacht auf dem Revier. Mittlerweile scheinen wir mit allen jungen Polizei-Anwärtern dick befreundet zu sein und verabschieden uns mit Handschlag uns Wangenküssen für die Nacht.

Bei der Familie des Übersetzers wird zunächst ein üppiges Abendessen gereicht, obwohl wir bereits zu Abend gegessen haben und wir unterhalten uns lange über Religion und die internationalen Beziehungen des Iran. Am nächsten Morgen fahren wir erneut auf die Polizeiwache.

Zusammen mit den aufgeladenen Fahrrädern werden wir von der Polizri aus der Region gefahren.

Zunächst freuen wir uns darauf die Sache jetzt abgeschlossen zu haben und unsere Tour fortführen zu können, doch so einfach wie wir uns das vorstellen, soll es leider nicht möglich sein.

Da die deutsche Botschaft und der Gouverneur über den Vorfall informiert worden sind, befürchtet man negative Berichterstattung und diplomatische Unannehmlichkeiten. Ein weiterer vergleichbarer Vorfall müsse daher in jedem Fall ausgeschlossen werden. Wir haben somit die andere Wahl als uns die nächsten 80 Kilometer eskortieren zu lassen, oder die Fahrräder auf den Polizei-Pickup zu verladen und uns mit dem Auto in die nächstgrößere Stadt fahren zu lassen. Der Einfachheit halber entscheiden wir uns zähneknirschend für Letzteres.

Nachdem wir die Räder verladen haben, müssen wir allerdings noch kurz warten. Wir verstehen zunächst nicht ganz worauf, doch wenige Zeit später kommt der Bruder von einem der mittlerweile inhaftierten Täter, um sich bei mir persönlich und im Namen der Familie zu entschuldigen. Eine Geste die zur Ehrrettung üblich zu sein scheint.

Wir fahren nun also mit zwei Autos los und dürfen, nicht wie zunächst vereinbart, erst in der nächsten Stadt wieder frei und selbstständig auf unsere Räder steigen, sondern bereits, nachdem wir nach etwa 40 Kilometern Fahrt die Grenze für den nächsten Polizeidistrikt erreichen.

Obwohl ich mit dem Schrecken davon gekommen bin, lässt sich die Tour vorerst nicht mehr so unbeschwert fortführen wie bisher, zumal ich mein Smartphone, das mich bereits bei einem agressiven Diebstahlversuch in Teheran in eine problematische Situation gebracht hatte, eigentlich sichtbar am Lenker befestigt als Navigationsgerät benötige. Die nächsten Tage und letzten Etappen, die im Iran noch vor uns liegen, lassen daher zunächst nur mühsam bewältigen.

Tatsächlich scheint der Vorfall Wellen geschlagen zu haben. Etwa 300 Kilometer weiter südlich steigen wir eine Woche später in Bandar Lengeh auf die Fähre, um auf die Arabische Halbinsel überzusetzen. Auf dem Schiff kommen wir mit einem Mann ins Gespräch. Er erzählt uns, dass erst letzte Woche zwei Touristen mit dem Fahrrad ausgeraubt und 200 Dollar abgenommen bekommen hatten, aber die Polizei die Täter kurz später hatte festnehmen können. "Ja, das waren wir", sage ich.

Ausreise in Bandar Lengeh

Mit der Fähre auf die Arabische Halbinsel

Siehe auch Michas Blogbeitrag zu dieser Etappe: Von Shiraz bis zum Persischen Golf // Erneuter Raubüberfall

Kommentare

  1. hui, das ist ja nochmal gut gegangen!! Viele Grüße aus dem Herbst!! Annette

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  2. abenteuer bleibt abenteuer. ob positiv oder negativ. alles nochmal gut gegangen. viel glück und frieden weiterhin, unbekannterweise. liebe grüße aus dem ybbstal in niederösterreich!

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  3. spannend das ihr berichtet. Ich habe bei einem Überfall in Teheran 790 doller abgegeben, sehr unschöne Erfahrung.... es passte gar nicht in meinen sonst so positive Iran erfahrung. Hoffe ihr kommt mit all den Gefühlen gut zu recht. Liebe Grüße

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