Durch die Wüste Thar nach Jaisalmer

Bikaner: Streetart trifft auf historische Hausfassade

Bezüglich Privatsphäre ändert sich auf unserem weiteren Streckenverlauf zunächst nichts. Nach wie vor stehen die Menschen in Trauben um uns herum, wenn wir in den Ortschaften eine kleine Pause machen oder unsere Einkäufe erledigen, schauen zu wie wir uns die Zähne putzen und stellen sich offenbar abends den Wecker, um morgens als erste wieder vor unserem Zelt zu stehen.

zu viel Interesse...

Die Essensversorgung auf dem Land und entlang der Straße bleibt beschränkt. Kulinarisches Highlight zum Mittag ist an einem Tag Bhujia (vergleichbar mit Kartoffelchips in Suppennudelform), das uns aus der Plastikdose auf altes Zeitungspapier geschüttet und mit einer aufgeschnittenen Zwiebel serviert wird. Wir verlassen das Restaurant an der Fernstraße, als eine Schlägerrei zwischen dem Wirt und einem Gast ausbricht.

Mittagsangebot: Bhujia mit Zwiebel

An einem Morgen möchte ich zum Frühstück ein Omelett bestellen, in der Annahme, dass doch wohl zumindest Eier in einem Restaurant vorhanden sein würden, und tatsächlich wird mir bestätigt "Ok, omelette, sit down!". Allerdings bleibt die einsehbare Küche geschlossen. Nach etwa zwanzig Minuten frage ich erneut nach meiner Bestellung und bekomme ein kurzes "yes, omelette!" zur Antwort. Ich übe mich erneut in Geduld, doch es geschieht nichts. Bei meinem dritten Anlauf scheint mein Gegenüber zu befürchten, dass ich das mit der Bestellung tatsächlich ernst meinen könnte und informiert den Betreiber. Dieser kommt auf mich zu und fragt "You want omelette? Ok!". Nach weiteren 20 Minuten zahlen wir diskret unseren Tee ohne das Omelett erneut anzusprechen und gehen. Es kommt öfter vor dass wir bestellen und nichts bekommen.

Mangels Alternativen verpflegen wir uns jetzt mittags und abends selber.

Obst und Gemüse gibt es dagegen recht häufig in den Ortschaften zu kaufen. Einmal wird es uns in einen glitzernden Beutel aus goldenem Stoff eingepackt und umgehend sind nicht nur das Obst und Gemüse, sondern auch die Räder und Fahrradtaschen innen wie außen mit kleinen Glitzerpartikeln bestäubt.

Der Straßenrand vor Bikaner ist voller toter Hunde, toter Rinder und lebendiger Hunde die tote Rinder reissen. Es stinkt immer wieder penetrant nach Aas und das, obwohl es hier eine organisierte Aas-Entsorgung zu geben scheint: Ein offener Transporter, überfüllt mit teils mumifizierten Tierresten und zerfetzten Gebeinen und Knochen überholt uns an diesem Morgen mehrmals. Einmal kommt er von der Straße ab und gerät in Schräglage. Drei Männer versuchen gemeinsam den stinkenden Wagen mit den oben und seitlich herausragenden Hufen, Sehnen und Knochen mit faulem Fleisch, wieder auf den Asphalt zu schieben.

Hanuman überlebensgroß etwa 30 Kilometer vor Bikaner. Nein, er ist nicht aus Platik, sondern aus Beton.

Beim Reinfahren nach Bikaner entdecken wir diesen Tempel, den man auf den ersten Blick auch mit einem Freizeitpark verwechseln könnte.

ab mit dem Kopf!

In Bikaner schaffen wir es unsere Kreditkarten entsperren zu lassen. Sowohl Michas und meine DKB-Visa-Karten als auch meine Number26-Master-Karte sind gleich beim ersten Abhub-Versuch in Delhi wegen "verdächtiger Transaktionen" gesperrt worden. Nur über meine EC-Karte konnten wir uns noch mit Barem versorgen.

Staßenszene in Bikaner: indische Touristen, deutsche Touristen und ein Straßenmusiker kommen anlasslos für ein Foto zusammen

vor dem Fort Bikaner

die Mahadma-Gandhi-Straße in Bikaner

Fort Bikaner

Durch die Stadt verläuft eine häufig befahrene Bahnstrecke. Sobald die historischen Schranken schließen, staut sich der Verkehr in den die Gleise querenden und stark frequentierten Straßen. Doch nicht etwa weil er zum Stillstand käme, sondern jetzt lediglich deutlich verlangsamt unter den Schranken hindurch verläuft. Mofa-Fahrer schieben ihre Fahrzeuge schräg darunter durch, alte Männer bücken sich schwerfällig und Frauen tragen ihre Babys über die Gleise. Nur die Tuktuks und Dromedar- und Rindergespanne passen nicht hindurch und müssen warten.

Irgendwann rollt der Zug hupend und im Schritttempo vorbei und bahnt sich somit seinen Weg durch all die Menschen zwischen den geschlossenen Schranken.

Der Verkehr läuft unter den geschlossenen Schranken hindurch.

vor dem Amtsgericht sitzen Anwälte und Juristen in provisorischen Unterständen an Schreibmaschienen aus den 70er Jahren und warten auf Klienten. Auf dem juristischen Marktplatz werden die Verhandlungsunterlagen vorbereitet und juristischer Beistand angeboten - ganz unkonventionell-bürokratisch.

Juristen warten auf Klienten.

anwaltliche Beratung vor dem Amtsgericht

Nachdem sich der Magen beklagt, verlängert sich unser Aufenthalt in Bikaner um zwei Tage.

Siehe auch Michas Blogbeitrag zu dieser Etappe: Durch Rajasthan bis zur Stadt Bikaner

Hupen wird in Indien zelebriert. Auf der Rückseite eines jeden LKW ist in großen bunten Buchstaben der Text "blow horn" aufgemalt und das Horn macht nicht einfach nur "tut" sondern spielt ganze Strophen unterhaltsamer Karusellmelodien. Die Konzerte beginnen etwa 500 Meter bevor uns ein Fahrzeug überholt und verhallen erst wieder, nachdem es am Horizont immer kleiner geworden ist.

Werbung wird in der Regel per Hand gemalt, selbst für große Unternehmen wie hier zum Beispiel Honda.

In dem Ort Deshnok, etwa 30 Kilometer südlich von Bikaner, befindet sich der Karni-Marta-Tempel, den wir als Sehenswürdigkeit in unserer Route eingeplant hatten. In dem Tempel leben abertausende heilige Ratten, die mit Wasser, Milch und Nahrungsmitteln versorgt werden. Die Athmosphäre ist äußerst spirituell, die Luft steht und es stinkt nach Kot. Glück verspricht es demjenigen, dem eine Ratte über die nackten Füße läuft. Ich glaube ich habe bisher keinen skurrileren Ort gesehen.









Nachdem wir Wüsten im Iran und auf der Arabischen Halbinsel durchquert haben, wirkt die Wüste Thar im indischen Bundesstaat Rajasthan so gar nicht wie eine Wüste auf mich. Zumal so gut wie jeder Quadratmeter bewirtschaftet und jedes Feld eingezäunt ist. Zudem ist die Region wegen der relativen Nähe zu Pakistan stark militarisiert. Erst kurz vor der Wüstenstadt Jaisalmer wird das Land teilweise wild und unbewohnt, sodass wir hier seit unserem Start in Delhi den ersten Zeltplatz auffinden, auf dem wir wirklich ganz für uns alleine sind.

ein Dorf in der Wüste Thar

umser erster einsamer Zeltplatz nach Delhi

Am nächsten Morgen erreichen wir Jaisalmer mit seinem wunderschönem Fort und ich gönne mir zwei Tage lang gute Mahlzeiten.











Siehe auch Michas Blogbeitrag zu dieser Etappe: Am Rattentempel vorbei zur goldenen Stadt Jaisalmer

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