Indien mit dem Fahrrad stellt die Nerven auf die Probe

Indien mit dem Fahrrad zu bereisen ist eine äußerste Belastungsprobe für die Nerven. Wenn ich hier durch bin sind sie entweder allesamt gerissen oder auf alle Ewigkeit zu Stahlseilen verhärtet.

Bei Ankunft in Delhi war erst mal Flicken angesagt.
Lärm, Müll, Gestank, Kitsch, Matsch, Enge, Chaos, Armut und verseuchte Gewässer zeichnen in den ersten Tagen meinen Eindruck. Seit meinem letzten Indienbesuch muss ich das alles verdrängt haben.

Tausende rostige Tuktuks, Fahrräder, Mofas und LKWs fahren hupend und abgasend durch die Straßen und Gassen. Hinkende Straßenköter weichen ihnen aus. Mitten im Verkehrschaos stehen die heiligen Kühe knöcheltief im Müll und fressen Plastiktüten.

ordnungsgemäße Müllentsorgung
Über dem Chaos verknoten sich abertausende Elektrokabel zu einem gigantischen Salat. Offenbar werden seit Jahrzehnten neue Kabel gezogen, ohne die alten zu deinstallieren.

Nachdem man sich an den Linksverkehr gewöhnt hat, muss man sich auf die Schlamm- und Schlaglöcher konzentrieren.
Geeignete Zeltplätze sind nirgendwo zu finden. Hotels meist auch nicht. Darum zelten wir trotzdem, meist auf einem Acker. Menschen dagegen gibt es überall, auch auf dem Acker. Indische Bollywoodmusik ist ebenso im ganzen Land zu vernehmen, auch auf dem Acker. Sie dröhnt von den Traktoren, mit denen bis spät in die Nacht hinein die Felder bearbeitet werden und von mindestens zwei anliegenden Hochzeitsgesellschaften gleichzeitig und so lange bis morgens unsere Wecker klingeln.

Schlamm und Schlaglöcher
Zum Frühstück gibt es entweder Kartoffelbrei in fritierten Samosas oder Kartoffelbrei in frittiertem Blätterteig oder Kartoffelbrei in frittiertem Toastbrot. Die Zutaten wurden in jedem Fall bereits vorgekostet und für nahrhaft befunden - von den Mäusen die sich in den Essensständen heimisch fühlen.

Frühstück am Straßenrand

Am Abend sitzen wir wieder auf einem Acker und empfangen die Dorfbewohner. Zwei Stunden haben wir abends bis Sonnenuntergang Zeit um zu kochen, das Zelt aufzubauen, uns zu waschen und den Tag Revue passieren zu lassen. Ebenso lange stehen bis zu 30 Personen um uns herum und beschauen uns. Sie stehen einfach nur da und starren. Sie starren wie wir das Zelt aufbauen, sie starren wie wir unser essen zubereiten und sie starren wie wir es zu uns nehmen. Irgendwann stehen sie so dicht um uns herum, dass ich das Gefühl habe mir sitzt ein ganzes Dorf auf dem Schoß.

In den Kleinstädten und auf den Landstraßen von Rajasthan lichtet sich das Chaos ein wenig. Zwar gehören auch hier Gestank und Müll zum allgegenwärtigen Bild, doch stechen nun auch die für Indien typischen Skurillitäten hervor, die das alltägliche Treiben für westliche Augen an ein durchgeknalltes Festival erinnern lassen.

Man wird beschaut.
Einige Ortschaften sind so quietsch-bunt, als wären sie komplett vom örtlichen Kindergarten gebastelt worden. Mit farbigem Lametta und überlangen Plastikblumen geschmückte Tuktuks geben sich Wettrennen, in Blumengestecken verhüllte Autos fahren zur nächsten Hochzeitsgesellschaft und die Menschen drängen sich sowohl in den Bussen als auch auf deren Dächern. Kühe tragen hellblau bemalte Hörner und Säuglingen wurden die Augenlieder mit Kajal geschminkt. Dazwischen ragen die orange und rosa bemalten Türme der Tempel hervor. Der intensive Geruch von Gewürzen, Müll und Waschmittel untermalt das Schauspiel olfaktorisch. Dazu brettern scheppernde Sounsysteme durch die Straßen. Es tönt im ganzen Land ausschließlich schriller Bollywood-Gesang.

Eines morgens werden wir beim Frühstück von einem Anwohner am Zeltplatz abgeholt. Wir müssen zum Tee mit zu ihm nach Hause kommen. Eine Alternative scheint es nicht zu geben, also sitzen wir kurz später nebeneinander wie die Hůhner auf der Stange mit Blick auf sein neues Haus. Man hätte die Stühle auch kommunikativ im Kreis oder mit Weitblick auf das kleine Tal vor der Ortschaft ausrichten können, aber wir schauen auf sein neues Haus und niemand hat sich etwas mitzuteilen.

Irgendwann erklären wir entschlossen dass wir nun wirklich gehen müssen. Unser Gastgeber begleitet uns aus der Ortschaft heraus. Mit erhobener Brust läuft er voraus und grüßt jeden Passanten der uns entgegen kommt mit einem stolzen Zuruf. Ich fühle mich ein wenig instrumentalisiert, denn die Bekanntschaft mit westlichen Touristen soll in Indien als Statussymbol gelten.

Wir verlassen das Dorf am Morgen
Entsprechend werden wir auf der Straße immer und immer wieder aufdringlich und bestimmend aufgefordert anzuhalten, um uns ablichten zu lassen. Ein ernsthaftes Interesse an uns und unserer Reise kann ich dahinter in den allermeisten Fällen nicht erkennen. Viel mehr erinnert mich das ganze an eine Sideshow. Auch ein freundliches Lächeln oder zumindest eine Verabschiedung, nachdem wir ausgiebig beschaut und sämtliche Teile unserer Räder mehrmals gedreht und gedrückt worden sind, vermisse ich in den meisten Fällen.

Mittlerweile ignorieren wir die Aufforderunfgen zum Stopp und fahren winkend weiter, worauf in der Regel umso agressivere Nachrufe folgen.

Beim Mittagessen kommt es bei einer ähnlichen Situation zu einer kleinen Eskalation. Unser Gastgeber möchte uns nicht abkassieren und bittet uns mehrfach wieder Platz zu nehmen und noch eine Weile zu warten. Wir werden ungeduldig und möchten jetzt wirklich gehen, während er nervös auf seinem Handy herum tippt und offenbar wiederholt versucht seine Freunde oder Verwandten zu erreichen, um ihnen mitzuteilen, dass sie sich doch bitte beeilen mögen, um uns noch beschauen und fotografieren zu können.

Nachdem wir ihn und das um uns herumstehende Personal mehrmals und jetzt bereits laut aufgefordert haben uns nun endlich abzukassieren, platzt mir der Kragen. Ich stecke mein Geld wieder ein, das ich ihm seit etwa zehn Minuten unter die Nase halte, und mache ihm klar, dass wir jetzt fahren werden ohne für das Essen zu bezahlen. Daraufhin bekommen wir dann doch eine Rechnung vorgesetzt, die etwa das doppelte des üblichen Preises ausmachen dürfte.

Ich bin ebenfalls beleidigt und lösche sein Restaurant wieder aus dem freien Kartenmaterial Openstreetmap, das ich zuvor dort eingetragen hatte.

Siehe auch Michas Blogbeitrag zu dieser Etappe: Laut, bunt und chaotisch - meine ersten Erlebnisse in Indien

Kommentare

  1. you love or you hate it. Selbst sind wir gerade in Odisha, fühlen uns oft wie Bollywoodstars, wenn man sich mit uns fotografiert, dann, wenn es um Preisverhandlungen für Unterkünfte geht, hält man uns für Mitglieder des Rockefeller-Clans und wennwir in die besonders tollen Tempel wollen, fühlen wir uns wie Aussätzige, weil Ausländer ja irgendwie Pestilenzüberträger scheinen, die man nicht überall hineinlässt. Gruss von www.wegsite.net - moriture te salutant, wir haben den öffentlichen Bus überlebt.

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  2. Habe mehr als 10 Jahre in Indien gelebt. Es gibt in Bangalore und anderen großen Städten ganz tolle Cycling communities. Ihr solltet mit denen Kontakt aufnehmen.
    Schaut mal nach Lord Venky in Bangalore.

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  3. Jaja INDIA = I never do it again.
    Aber die Leute sind doch sehr herzlich. You love it, and you hate it.
    Guckst du hier
    cycledelic.wordpress.com

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