Radtour durch Belarus und die sowjetische Autostadt Minsk


Grenzübergang nach Belarus

Der Grenzübergang von Litauen nach Weißrussland gestaltet sich etwas zäh. Die Schlange an PKW und LKW ist furchtbar lange und es ist mal wieder nicht selbsterklärend, wie die Abfertigung für Radfahrende vonstatten geht. Darum fahren wir an allen wartenden Kraftfahrzeugen vorbei und stellen uns an jeder Schranke an, bis wir durchgewunken oder abgefertigt werden. Beim dritten Checkpoint soll die Einreise erfasst und das Visum abgestempelt werden. Das dauert. Vor allem bei Andreas vorläufigem Reisepass. Alle Dokumente werden mit der Lupe auf Echtheit überprüft. Die Taschenkontrolle geht dann schon schneller: einmal öffnen lassen, symbolisch mit der Hand auf die oberste Schicht dreckiger Klamotten fassen und die Tasche wieder schließen lassen. Die Schranke geht auf.

typisches buntes Holzhaus

Noch ein paar Stunden fahren wir auf einer Schnellstraße, zunächst entlang an unzähligen LKW, die alle auf der Straße stehen und auf ihre Einreise in die EU warten, dann finden wir einen versteckten Zeltplatz an einem See.


Am nächsten Tag sind es noch etwa hundert Kilometer bis Minsk.

Lebensmittelgeschäft
Eigentlich muss man sich als Ausländer in Belarus spätestens am fünften Werktag seines Aufenthaltes polizeilich registrieren lassen. Wir werden sechs Tage im Land sein. Aber der Registrierungsprozess soll sehr zeitintensiv sein, sodass wir uns entscheiden uns nicht registrieren zu lassen, in der Hoffnung, dass es bei einer möglichen Kontrolle oder spätestens bei der Ausreise keine Probleme geben wird.

Zeltplatz am Waldsee

Radtour durch die sowjetische Autostadt Minsk

Die belarussische Hauptstadt fasziniert mich. Sie erinnert mich an Pjöngjang und die Frankfurter Allee in Berlin zugleich. Riesengroße helle Prunkstraßen prägen das Bild. Alles wirkt überdimensional groß, wuchtig und aus der Zeit gefallen. Der sowjetische Geist ist noch allgegenwärtig und mischt sich mit moderner Leuchtreklame. Riesige Monumemte stehen triumphierend an zentralen Orten inmitten der Stadt oder von oben auf sie herabblickend.
Die Verkehrsleitung in Minsk ist ein Graus. Bei der Planung wurde alles ausschließlich auf den ungehinderten Fluss des Autoverkehrs ausgerichtet.


Fußgängerinnen und Fußgänger wurden großteils in den Untergrund verbannt, damit das Blech oberirdisch ungebremst über die wuchtig breiten Chausseen rollen kann. Nichts ist barrierefrei. Kein Gehweg und kein Eingang in die Unterführung lässt sich mit dem Rollstuhl überwinden. Wer nicht die Treppen zu den langen Unterführungen nehmen möchte, muss teils mehrere hundert Meter lange Umwege in die entgegengesetzte Richtung oder um die Ecke einer Kreuzung in Kauf nehmen, um zur nächsten Fußgängerampel zu gelangen.


Weiter Richtung Polen

Bis zur belarussisch-polnischen Grenze sind es noch etwa dreihundert Kilometer.
An dem Tag an dem wir Minsk verlassen ist es extremst windig. Der Wind bläst uns frontal entgegen und wir treten teils mit gerade einmal 10 km/h dagegen an. Mir fliegen vom Wind sogar ständig die Kopfhörer aus dem Ohr.

Tiefkühlkost grammweise
Die Lebensmittelgschäfte sind auf dem Land sehr unscheinbar. Man erkennt sie meist nur an den Schriftzügen "Магазин" (Geschäft) oder "Продукты" (Lebensmittel). In den etwas größeren Geschäften wird Tiefkühlkost offen verkauft und kann somit grammweise abgewogen werden, was sehr praktisch ist. Auffällig ist auch, dass überall Kwas getrunken wird, ein Brotdrunk mit wenig Alkohol. Als wir an einem Mittag im Park sitzen um Mittag zu essen, kommt sogar ein Passant mit einem Becher Kwas vorbei, auf den er uns einladen möchte.

"Gute Reise"
Der darauffolgende Tag bringt ebenfalls seine Widrigkeiten mit sich. Diesmal sind es die nicht asphaltierten Kreisstraßen. Auch hier geht es nur mit etwa 10 km/h voran, was vor allem daran liegt, dass die Straßen mit Traktor-Rillen gespickt sind, was einem das Gefühl gibt über Waschbretter zu fahren. Außerdem bleibt man immer wieder im Sand stecken und die vorbeifahrenden Autos wirbeln so viel Staub auf, dass man kaum noch etwas sehen, geschweigedenn atmen kann.

Dafür kommen wir durch einige kleine Dörfer, die ich ziemlich beeindruckend finde. Die Holzhäuser und Gartenzäune sind kunterbunt angemalt. Vieles wirkt noch sehr sowjetisch. Auf einem kleinen menschenleeren Dorfplatz, auf dem wir kurz Rast machen, steht einer der vielen alten aber sehr gepflegten Oldtimer zwischen einem Kriegerdenkmal, einer Kirche und einer Lenin-Büste. Irgendwann fährt ein alter Mann auf einem quietschenden Fahrrad mit einer blechernen Milchkanne am Lenker vorbei. Anschließend ist es wieder still. So treten wir uns von Ort zu Ort.


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