Tipps und Hinweise für Radreisen durch Indien

Auf meiner Radreise von Deutschland nach Indien, bin ich im November und Dezember 2017 durch mehrere indische Bundesstaaten gekommen. Die Erfahrungen die ich dort speziell zum Thema Radreisen gesammelt habe, möchte ich an dieser Stelle gerne in Form von ein paar kurzen Tipps und Hinweisen zusammenfassen.

Die Strecke führte mich von der Region Delhi über Rhajastan, Gujarat und den Westen Maharashtras nach Goa. Die folgenden Hinweise beziehen sich daher ausdrücklich auf diese Regionen und können für andere Gegenden eventuell nicht zutreffend sein. Mein Reisepartner fuhr außerdem durch Karnataka, Madhya Pradesh, Utter Prdesh und Bihar. Seine Bewertungen sind unten ebenfalls angegeben.


Mein grundsätzlicher Tipp

Gar nicht erst machen! Indien ist in meinen Augen wegen schwieriger Proviantversorgung, chaotischem Verkehr (insbesondere in den Ballungsgebieten), teils sehr schlechten Straßen, mangelnder Hygiene, kaum vorhandenen Möglichkeiten zum Wildcampen und fehlender Privatsphäre kein geeignetes Radreiseland. Ausgeführt habe ich dies in diesem Blogbeitrag.

All denjenigen die eine besondere Herausforderung suchen und es trotzdem versuchen möchten, helfen die folgenden Tipps hoffentlich ein wenig weiter.

Verkehr

Linksverkehr
In Indien gilt Linksverkehr, wer nicht vorher daran denkt, kann schnell auf den ersten Metern einen Unfall verursachen. Das Auswärtige Amt verweist zudem auf eine hohe Zahl an Unfällen und die Nichtbeachtung von Verkehrsregeln durch andere Verkehrsteilnehmende, weswegen besondere Vorsicht im Straßenverkehr geboten ist. (abgerufen am 22. Mai 2019)
In den Großstädten empfiehlt sich wegen der hohen Abgasbelastung das Tragen einer Feinstaubmaske.

Navigation

Am einfachsten und unabhängigsten navigiert es sich, wie überall auf der Welt, mit dem freien Kartenmaterial von OpenStreetMap (OSM). Dieses kann vor der Reise vollständig kostenlos heruntergeladen werden, sodass keine Internetverbindung erforderlich ist. Mit der App Oruxmaps und dem Zusatztool BRouter können damit sogar offline Routen auf dem Smartphone berechnet werden.

OpenStreetMap wird von ehrenamtlich Aktiven in Gemeinschaftsarbeit erstellt. Gerade in Indien sind allerdings viele relevante Einrichtungen wie Geschäfte, Fahrradläden oder gar ganze Ortschaften noch nicht erfasst. (Anderes Kartenmaterial ist hier übrigens großteils noch deutlich lückenhafter.) Wenn du an entsprechenden Orten vorbei kommst, die noch nicht bei Openstreetmap engetragen sind, ergänze sie doch bitte, damit diese Informationen zukünftig auch anderen Nutzerinnen und Nutzern zur Verfügung stehen. Relativ einfach geht dies zum Beispiel nach einer kurzen Einarbeitung mit der App Vespucci.

Ersatzteile und Reparatur

Fahrradwerkstatt in Indien
Gute Fahrradläden nach westlichem Standard sind in Indien unüblich. Kleine Fahrradwerkstätten, die immerhin akzeptable Mäntel für wenig Geld verkaufen, gibt es dagegen in den meisten, auch kleineren Ortschaften. Wichtige und spezielle Ersatzteile sollten von zu Hause mitgebracht werden.

Für die in Indien erhältlichen Flicken ist eine spezielle Vulkanisierungspaste erforderlich, die in der Regel ebenfalls in den jeweiligen Fahrradreparaturwerkstätten erhältlich ist und am besten gleich mitgekauft werden sollte. Mit den in Europa üblicherweise mitgelieferten Vulkanisierungsmitteln können die in Indien erhältlichen Flicken nicht aufgebracht werden.

Freilaufende Tiere

Des öfteren wurden wir vor Schlangen gewarnt, gesehen haben wir allerdings nur einige recht kleine auf der Straße überfahrene Exemplare.

Affen einfach nicht zu nahe kommt.
Wilde Hunde sind überall gegenwärtig, scheinen aber selbst in der Nacht im Rudel friedlich zu bleiben. Auch wilde Verfolgungsjadgten, wie aggressive Haushunde sie in Europa gerne bei vorbeifahrenden Radfahrern aufnehmen, kommen äußerst selten vor. Wenn doch mal einer kläfft, reicht in der Regel bereits die Andeutung eines Steinwurfs, um ihn zu verscheuchen. Ein Trick der allerdings nur beim ersten mal funktioniert, denn ganz so dumm sind die Tiere dann doch nicht.

Unangenehmer können dagegen Affen werden, die gerne auf Raubzüge gehen. Am besten bleibt man ihnen einfach fern, soweit möglich.

Auf der Straße laufende Kühe überholt man am besten, indem man rechts an ihnen vorbei fährt, denn so sind sie es vom Verkehr gewohnt. Überholt man sie links, was sich vom Platz her oft anbietet, erschrecken sie häufig und rennen gegebenenfalls auf die Straße in den fließenden Verkehr.

Neugierige Kühe sind in der Regel friedlich und können mit einem Stöckchen einfach verscheucht werden. Man sollte ihnen aber trotzdem nicht zu nahe kommen, insbesondere von vorne, denn wenn sie sich bedrängt fühlen, kann es vorkommen dass sie ihren Gegenüber mit den Hörnern rammen, was im schlimmsten Fall tödlich endet.

In manchen Gegenden liegen nicht selten öfters Kadaver toter Rinder in jeglichem Verwesungsstadium am Straßenrand. Abgesehen davon, dass es sich dabei häufig um einen sehr unschönen Anblick handelt, kann Aasgestank äußerst penetrant bis Übelkeit erregend sein, sodass es ratsam ist, frühzeitig die Luft anzuhalten oder sich zumindest einen Halsschlauch über die Nase zu ziehen.

Eines nachts wurden wir in Gujarat an unserem Zeltplatz von Anwohnern eindringlich vor Tigern gewarnt. Laut kurzer Internetrecherche scheint in dem Bundesstaat vor einiger Zeit angeblich wirklich ein Tiger gesichtet worden zu sein, doch es sollte äußerst unwahrscheinlich sein tatsächlich auf ein Exemplar zu treffen.

Interesse am Fahrrad

An Radfahrern besteht besonderes Interesse.
Ein modernes, westliches Fahrrad erregt in Indien viel Aufmerksamkeit. Zwar scheint die Diebstahlgefahr nicht höher zu sein als andernorts, aber wer nicht möchte, dass bei dem kurz vorm Laden abgestellten Fahrrad die Gänge verstellt werden, beim Drehen und Drücken aller möglichen Apparaturen irgendetwas beschädigt wird oder zehn dreckige Hände an der Isomatte herumfummeln, sollte stets ein Auge darauf haben. Ein bestimmtes "please don't touch" wird in der Regel respektiert.

Wildcampen

Einsame Zeltplätze wie dieser sind selten.
Wildcampen ist eine echte Herausforderung, da das Land größtenteils durchsiedelt ist und intensiv landwirtschaftlich genutzt wird. Nahezu überall reihen sich Äcker an Häuser und es gibt kaum eine Stelle an der sich ungesehen das Zelt aufschlagen lässt. Selbst wer erst nach Sonnenuntergang sein Nachtlager an einem entlegenen Trampelpfad bezieht, muss mit Besuch rechnen, der in der Regel dazu führt, dass plötzlich ein ganzes Dorf um einen herum steht und beim Kochen und Zähneputzen zuschaut. Die Kommunikation erweist sich dabei oft als mühsam. Wer früh einen Platz bezieht, benötigt daher starke Nerven. Selbst am frühen morgen kommen die Besucher häufig noch vor Sonnenaufgang wieder vorbei, um beim Aufstehen und zusammenpacken zuzuschauen.

Andere Radreisende berichten zwar immer wieder davon, in Tempeln oder Schulen untergekommen zu sein, aber insbesondere Tempel sind auf dem Land nur verhältnismäßig selten zu finden.

Brandrodung unweit des Zeltplatzes
Trockene Wiesen werden häufig gebrandrodet. Da es nachts sehr feucht werden kann und diese erst am Nachmittag wieder richtig trocken sind, geschieht dies meist am frühen Abend. Das Feuer kann sich binnen Sekunden über größere Gebiete ausbreiten. Entsprechend ist Vorsicht geboten.

Wer sich durch nächtliche Musik gestört fühlt, sollte Ohrstöpsel dabei haben. Musik ist nachts fasst überall im Land, auch an den entlegentsten Orten und oft bis in den frühen Morgen zu hören.

Lebensmittelversorgung

Mittagsangebot in einem Straßenrestaurant
Insbesondere im Norden des Landes ist die Lebensmittelversorgung außerhalb der Städte schwierig. Auch gekühlte Getränke sind dort nur selten zu bekommen. Restaurants sind auf dem Land und entlang der Straßen selten zu finden oder bieten nur ein unzureichendes Angebot.

In den kleinen Läden, die überall im Land zu finden sind, erhält man insbesondere Kekse und Chips oder ähnlich minderwertige Nahrungsmittel. Frisches Obst und Gemüse ist dagegen an Ständen häufig zu bekommen. Es empfiehlt sich daher selber zu kochen. Am besten gleich mittags die doppelte Portion. So kann die Hälfte davon gleich für den Abend eingetuppert werden.

Trinkwasser

typische Trinkwasserstelle an einer Tankstelle
Es sollte ausschließlich industriell abgefülltes Trinkwasser getrunken werden, das in fasst jedem Laden und Restaurant für 20 Rupie pro Liter erhältlich ist.

Tankstellen bieten in der Regel kostenlos gefiltertes Trinkwasser aus entsprechenden Zapfstellen an, das allerdings trotzdem mit Vorsicht zu empfehlen ist. Wer auf Nummer Sicher gehen möchte, bereitet es mindestens zwei Stunden vor dem Konsum mit Mikropur auf. Leitungswasser ist nicht als Trinkwasser geeignet!

Toiletten

Toiletten sind in der Regel verschmutzt
Toiletten sind knapp und selbst Restaurants oft nicht anzufinden. Dagegen gibt es in der Regel an jeder Tankstelle ein Klo und Tankstellen gibt es viele. Man sollte in jedem Fall immer testen ob tatsächlich fließendes Wasser vorhanden ist bevor man seine Notdurft verrichtet und eine auffüllbare Flasche und Seife dabei haben. Toilettenpapier ist in der Regel nicht vorhanden und auch in den Läden selten erhältlich.

Ausrüstung

Eine Liste mit allen Ausrüstungsgegenständen und Dingen die ich auf meiner Reise von Europa nach Indien dabei hatte und die ich größtenteils für die Mitnahme nach Indien empfehlen kann, gibt es hier.

Bewertung nach Bundesstaat

Die oben genannten Umstände können je nach Bundesstaat stark variieren. Die subjektive Radreisetauglichkeit der von mir befahrenen Bundestaaten würde ich, basierend auf Spaßfaktor und den oben genannten Faktoren, wie folgt bewerten:

Bihar:
 
(Bewertung von Micha)


Delhi:




Goa:




Gujarat:




Karnataka:



(Bewertung von Micha)


Maharashtra:




Madhya Pradesh:


(Bewertung von Micha)


Rhajastan:




Utter Pradesh:



(Bewertung von Micha)


Weitere Informationen

Allgemeine Reiseinformationen für Indien gibt es bei Wikivoyage und beim Auswärtigen Amt.

Sollten dir darüber hinaus interessante Tipps und Hinweise für Radreisen durch Indien einfallen, würde ich mich freuen, wenn du sie hier in den Kommentaren oder bei Wikivoyage ergänzt.

Siehe auch

Radreisetipps für weitere Länder

Kommentare

  1. Habe die Indien-Tipps und den Artikel in der RNZ mit Interesse gelesen.  Indien ist sehr speziell. Auf jeden Fall ist es gut, Kontakte zu Inder*innen zu haben. Nur ein Inder/eine Inderin versteht Indien. Hier meine Erfahrungen: http://www.hzsh-cards.de/latest/reise-2017

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